Kinder sollen Kind sein dürfen

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Der Kindergartentag beginnt ab 7.00 Uhr. Alle Kinder werden von der Erzieherin begrüßt. So findet schon der erste Kontakt statt und das Kind weiß, dass es angekommen ist. Die Erzieherin nimmt das Kind wahr und spürt, wie es dem Kind geht, ob es noch müde ist, ob in der Nacht oder auf dem Weg zum Kindergarten schon etwas Aufregendes passiert ist, was das Kind beschäftigt…  

Der Kindergartentag beginnt mit dem Freispiel. In dieser Zeit sind die Zweijährigen in der Gruppe mit den anderen Kindern zusammen. So können sie die Großen in ihrem Spiel wahrnehmen. Sie können im Miteinander mit den Größeren das Spielen lernen, wie sie es von den Erwachsenen nie könnten, denn die älteren Kinder haben ein ganz liebevolles Interesse an den Kleinkindern. Zweijährige können nur mit dabei sein, wenn sie von den Älteren integriert werden. Von sich aus könnten sie sich noch nicht zusammenschließen. So ist die große Altersmischung während des Freispiels den natürlichen familiären Verhältnissen abgeschaut.

Besonders für die vielen Einzelkinder ist es schön, dass sie im Hinschauen auf die ganz Kleinen erleben, wie sie selbst einmal waren und im Hinschauen auf die größeren Kinder, wie sie selbst einmal werden.

Wie auch in einer Familie hat jeder einmal das Bedürfnis nach Ruhe und Rückzug. Deshalb besteht während des Freispiels die Möglichkeit, sich in einen geschützten Raum zurückzuziehen, in Ruhe mit individueller Zuwendung versorgt zu werden und sich geborgen zu fühlen.

 

Vorbild und Nachahmung

In unserer pädagogischen Arbeit spielt das Prinzip „Vorbild und Nachahmung“ eine entscheidende Rolle. Als Nachahmung bezeichnet die Waldorfpädagogik die Fähigkeit des Kindes, sich ganz mit seiner Umgebung und mit den ihm anvertrauten Menschen zu verbinden. Die Nachahmung ist für das Kind ein Mittel, etwas zu lernen. Sie vollzieht sich unbewusst. Alles, was vom Kind mit seinen Sinnen aus der Umgebung aufgenommen wird, wirkt auf das Kind: der Mensch mit seinen Tätigkeiten und Gedanken, die Farben, das Spielmaterial, die Einrichtung, usw.

Deshalb ist es wichtig für das Kind, tätige Erwachsene zu erleben, die sinnvolle, notwendige, durchschaubare und durchdachte Tätigkeiten verrichten. Und wie in der Familie erleben und beobachten die Kinder bei uns während der Freispielphase die Erzieherinnen bei ihren Erwachsenentätigkeiten wie z.B. beim Kochen, Obst schneiden, Nähen, Reparieren, Basteln, Arbeiten an der Werkbank, Aufräumen usw. Es ist uns wichtig, unsere Tätigkeiten so zu gestalten, dass das Kind bei allem „mittun“ kann.

Das Kind braucht den Menschen in seiner Tätigkeit, als Schule des Lebens.Diese Tätigkeit muss so gestaltet sein, dass sie nachahmenswert und nachahmensmöglich ist, indem sie vom Kind, auf dessen besondere Bedürfnisse bezogen und in schöpferisch- freier Gestaltung, nachvollzogen werden kann. (Arbeitsmaterial aus den Waldorfkindergärten)

Ein Beispiel aus dem Alltag: Die Erzieherin will ein kleines Püppchen nähen. Sie bereitet ihren Arbeitsplatz im Gruppenraum vor und stellt auch Stoffe, Nadel und Faden für die Kinder bereit. Die Erzieherin beginnt ganz bewusst, mit Freude und innerer Anteilnahme mit ihrer Näharbeit und ist bald umringt von Kindern, die auch nähen wollen. Es kann sein, dass manche Kinder kleine Filzreste auffädeln, andere vielleicht kleine Zwerglein machen oder die größeren Kinder ein selbstgestaltetes Püppchen. In der Puppenecke sitzen die Kinder zusammen und tun so, als ob sie nähen würden. Der Erwachsene ist natürlich sehr gerne bereit den Kindern bei ihren Arbeiten zu helfen. Dadurch näht er oft mehrere Tage an seinem eigenen Püppchen. Trotzdem vollendet er seine Arbeit, damit die Kinder den Werdegang einer Arbeit von Beginn bis zur Vollendung erleben.

Im Spiel vollzieht das Kind die erlebten Tätigkeiten phantasievoll nach, es verinnerlicht diese und verarbeitet sie durch Eigenaktivität. Ganz unbewusst eignet es sich so motorische, soziale und gedankliche Fähigkeiten an.

Ein weiteres Beispiel aus dem Alltag: In einem Beet in unserem Garten säen wir Weizen-körner. Die Kinder nehmen wahr, wie es wächst und heranreift und eines Tages geschnitten wird. Mit Holzklötzchen dreschen wir die Körner aus und sammeln sie in eine Schüssel. Mit Handmühlen mahlen sie das Korn zu Mehl. Das Mehl wird zu einem Teig verarbeitet, zu einem Brotlaib geformt und gebacken.

Begleitet werden die Tätigkeiten von passenden rhythmischen Sprüchen und Liedern.

An einem schön gedeckten Tisch sprechen wir ein Dankgebet und mit großem Appetit essen wir unser Erntedankbrot. Auch diese Tätigkeiten erstrecken sich über mehrere Tage.

Es werden hier die Prinzipien der Waldorfpädagogik deutlich, die auch der Salutogenese (Gesunderhaltung) zu Grunde liegen:

-       Verstehbarkeit:Die Kinder konnten den Werdegang vom Korn zum Brot bzw. vom Stoff zur Puppe erleben.

-       Handhabbarkeit:Sie konnten bei allen Tätigkeiten selber mittun.

-       Sinnhaftigkeit: Das Brot wurde gegessen um unseren Hunger zu stillen. Das Püppchen wurde zum Spielen gebraucht.

Diese Beispiele lassen sich auf alle unsere Tätigkeiten übertragen. Immer werden sie begleitet von künstlerischen Sprüchen, Liedern, Gedichten oder Geschichten.

Kleine Kinder brauchen viele Gelegenheiten, die Dinge selber zu tun, einen Erwachsenen der ihnen als Vorbild dient und Freunde mit denen sie gemeinsam ein Werk vollbringen können.    

 

Rhythmus und Wiederholung

Rhythmus ist das ordnende Prinzip der Lebensprozesse. In allen lebendigen Vorgängen finden sich Rhythmen: Atem, Herzschlag, Tag und Nacht, Wechsel der Jahreszeiten.

Rhythmus ist die Wiederholung des Ähnlichen - flexibel, niemals starr.

Das Kind braucht für seine gesunde Entwicklung Rhythmus und Wiederholung. Es ist eingebunden in den Kreislauf der Natur, der durch den Tag- und Nachtrhythmus und den Wandel der Jahreszeiten erlebbar wird.

Deshalb achten wir Erzieherinnen auf einen geregelten Tagesablauf. Der Tag wird gegliedert in einen sinnvollen Wechsel von Aktivität und Ruhe. Elemente wie Freispielphasen im Haus und Garten, Reigen, gemeinsame Mahlzeiten, Märchenkreis und bestimmte haus-wirtschaftliche Tätigkeiten kehren in vertrauter Weise wieder. Dadurch werden Eindrücke und Erlebnisse des Kindes vertieft. Gute Gewohnheiten werden angelegt und ausgebildet, seine Willenskräfte gestärkt. Ist das Kind eingebettet in einen wohltuenden Rhythmus, fühlt es sich geborgen. Es gewinnt Selbstvertrauen und Vertrauen in seine Umgebung. Äußere Ordnung bewirkt innere Ausgeglichenheit und Harmonie.

Es wäre nun aber für Kinder unter drei Jahren falsch, wenn sie den Tagesablauf der größeren Kinder einfach übernehmen sollten.

Deshalb gibt es für die Zweijährigen einen an ihre Bedürfnisse angepassten Tagesablauf:

Pflege

Nach der Freispielphase gehen die Zweijährigen mit einer Erzieherin in den Waschraum zur Pflege und zum Händewaschen. So kann eine entspannte und schöne Atmosphäre entstehen, in der die Kinder auch das Wickeln mit kleinen Ritualen und Berührungsspielen genießen können. Dabei ist es uns wichtig, dass das kleine Kind selbständig den Wickelplatz erklimmt. Eine kleine Treppe bietet diese Möglichkeit. Die Übersichtlichkeit wird durch ein Regal ermöglicht, so dass wir alles vor Ort antreffen und den Pflegevorgang nicht unterbrechen müssen. So schaffen wir Vertrauen, da wir sichtbar und berührbar beim Kind anwesend sind.

Während dieser Pflegephase spielen die Großen den morgendlichen Reigen. (Der Reigen ist eine Folge von Liedern, Tänzen, Sprüchen und freien Elementen von der Erzieherin zusammengestellt. Inhaltlich sind die verschiedenen Elemente verknüpft und orientieren sich an der Jahreszeit.) Danach gehen auch die Großen Hände waschen und anschließend treffen wir uns zum gemeinsamen Frühstück am Tisch. Auch hier dienen die großen Kinder als Vorbild. So können die Gewohnheiten und Regeln abgeschaut werden. Vor dem Essen singen wir ein Lied oder sprechen ein Tischgebet. Das gemeinsame Essen hat einen starken sozialen Aspekt. Jeder Tag hat sein eigenes Getreidegericht, das sich von Woche zu Woche wiederholt. Dies gibt dem Kind eine Orientierungshilfe im Ablauf der Woche. Die Lebensmittel stammen überwiegend aus biologischem Anbau.

 

Nach dem Frühstück begeben sich die großen Kinder in die Garderobe und ziehen sich an, um nach draußen zu gehen. Die Kleinen genießen es derweil, den Raum alleine für sich zu haben.

Wenn die Garderobe frei ist, zieht eine Erzieherin die Kleinen in Ruhe an und kommt mit ihnen in den Garten. Wir gehen grundsätzlich bei jedem Wetter, außer bei Sturm und- oder Gewitter nach draußen. Unsere große überdachte und geschützte Terrasse gibt uns dazu die Möglichkeit. Selbstverständlich ist eine der Witterung angemessene Kleidung wichtig.

Unser Garten ist ein Naturgarten mit Wiese, Baumbestand, Sträuchern und einem, unter Mitwirken der Kinder angelegten Nutzgarten, in dem wir Gemüse, Getreide und Blumen anpflanzen. Wir haben zusätzlich einen separaten Obstgarten mit Beerensträuchern und Obstbäumen den wir auch mit und für die Zweijährigen nutzen. Zwei große Sandkästen und ein „Zwergenstübchen“ erfreuen sich bei unseren kleinen Kindern großer Beliebtheit.

Um den Kleinen noch gerechter zu werden, gestalten wir gerade unser Außengelände um und legen eigene Nischen für die Zweijährigen auf unserem großen Areal an. Diese werden umsäumt von Stauden und Blumen. Wir werden Außenspielgeräte wie z.B. Rutsche, Schaukeln, Klettergeräte u. ä. speziell für Kleinkinder anschaffen.

 

 

Sinnespflege

Die Sinneserfahrungen die ein Kind draußen in der Natur macht sind in ihrer Vielfalt unersetzlich.

Das kleine Kind erlebt alle Sinneseindrücke viel stärker als der Erwachsene, da es allen Eindrücken, Erlebnissen, Erfahrungen offen und vertrauensvoll hingegeben ist.

Daher ist die Qualität der Sinneseindrücke, die wir an das Kind herantragen möchten, von besonders großer Bedeutung. Alle Eindrücke, die das Kind mit seinen Sinnen wahrnimmt, wirken unmittelbar in das Kind hinein. Sie können helfend oder stärkend auf die Entwicklung des Kindes wirken.

Im ersten Jahrsiebt, der Zeit der intensivsten Leibes- und Organbildung des Menschen, werden durch eine reiche und gesunde Sinnespflege die kindlichen Organe besser ausdifferenziert und entsprechend gesund entwickelt.

Eine Verarmung der Sinnespflege bei Kindern bewirkt andererseits, dass sich das Verhältnis zu ihrem eigenen Körper verändert (z.B. Nervosität, Konzentrationsstörungen…).

Durch eine positive Sinnespflege wird der Mensch insgesamt in seiner Persönlichkeit gestärkt.

 

Im anthroposophischen Menschenbild kennen wir zwölf Sinne:

 

-       untere Sinne:              Lebenssinn, Bewegungssinn, Gleichgewichtssinn, Tastsinn;

-       mittlere Sinne:           Geruchssinn, Geschmackssinn, Sehsinn, Wärmesinn;

-       obere Sinne:               Hörsinn, Wortsinn, Gedankensinn, Ich-Sinn.

 

Ein gut ausgebildeter Gleichgewichtssinn z.B. entwickelt im Menschen auch ein Gefühl eines inneren Gleichgewichts, entwickelt ein Gespür für die innere Mitte.

Ein gut gepflegter Lebenssinn vermittelt das Gefühl der Liebe und Zufriedenheit, und wer sich vielseitig kreativ bewegen konnte, der hat in sich das Gefühl der inneren Freiheit veranlagt.

Alles kann in dieser Hinsicht als ein Bemühen um qualitätsvolle und positive Eindrücke für das Kind angeschaut werden, wie z.B. unsere Raum- und Spielmaterialgestaltung, unsere Singspiele und Reigen, unsere Tätigkeiten, das freie Spiel im Garten, die Festgestaltung, usw.

 

Die zweijährigen Kinder die über Mittag bleiben, gehen nach dieser Freispielzeit im Freien um ca. 11.45 Uhr mit einer Erzieherin nach drinnen. Sie werden in Ruhe umgezogen, gewickelt und gehen nach dem Händewaschen zum Mittagessen.

Jetzt sind die Kräfte der Kleinen schon fast aufgebraucht, die Kinder werden müde. Deshalb brauchen sie zum Mittagessen viel Ruhe, eine überschaubare Essenssituation und mehr Zeit als die großen Kinder. Deshalb sind die Zweijährigen, im Gegensatz zum Frühstück, während dem Mittagessen mit zwei Erzieherinnen allein in einem Raum. Eine familiäre, gemütliche und gepflegte Atmosphäre ist dabei für uns selbstverständlich.

Nach dem Essen gehen die Zweijährigen schlafen. Auch hier erlebt das Kind feste „Zubettgehen-Rituale“. Das Umziehen wird von rhythmischen Versen und Berührungsspielen begleitet. Der ganze Schlafraum und die Schlafsituation ist ausgerichtet, dem Kind Hülle und Geborgenheit zu vermitteln.

Ein gedämpftes Licht beruhigt die Kinder, sie hören eine kleine Geschichte und ein Schlaflied begleitet sie in den Schlaf. Die Erzieherin löscht das Licht und bleibt anwesend bis die Kinder eingeschlafen sind. Ein Baby-phon hilft die weitere Schlafsituation zu überwachen. Die Aufwachsituation ist individuell.

Jedes Kind darf nach dem Aufwachen zunächst bei der Erzieherin auf dem Schoß sitzen, um „ganz“ wach zu werden. Nach dieser Aufwachphase“ gehen die Kleinen zu den Großen in den Gruppenraum oder ins Freie und beschließen dann wieder gemeinsam den Kindergartentag.  

Freitags findet unser wöchentlicher Wandertag statt. Alle Kinder bringen einen Rucksack mit einem kleinen Frühstück mit. Die Großen verlassen den Kindergarten und gehen auf die Wanderschaft. Die Kleinen frühstücken je nach Wetterlage im Kindergarten oder picknicken in unserem Garten. Für die Kleinen bietet allein schon unser großes Außengelände ausreichend Angebot und Möglichkeit. Manchmal wandern sie auch zu den Hühnern, Gänsen und Enten in unserer Nachbarschaft. Der Wald mit seinen andersartigen Erfahrungsmöglichkeiten kommt erst im nächsten Jahr dazu.

Ab ca. dreieinhalb Jahre, je nach Individualität, dürfen die Kinder mit zur Wanderung und die anspruchsvollere Art die Jahresfeste zu feiern, miterleben. Auch die Teilnahme an der wöchentlichen Eurythmie und dem morgendlichen Reigen beginnt zu dieser Zeit. So sind für die Kinder innerhalb der Kindergartenzeit immer wieder neue Impulse erlebbar.